Vor einiger Zeit am Spielplatz: Zwei Buben und ein Mädchen gemeinsam in der Sandkiste. Einer der Jungen führt mit der Hand einen großen Plastik-Bagger mit lautem „BRUUUUUUUUUUHUMMBRUMMBRUMM“ auf dem Holzrahmen entlang. Ein zweiter Junge hat ein rotes, glänzendes Sportauto (bestimmt ein Ferrari), dessen Räder weniger für die Sandkiste geeignet scheinen und lenkt dieses mit der Hand durch den Sand, begleitet durch ein ebenfalls lautes „FRUUMMFRUMMFRUUUUUUUUHUMM“. Es scheint als würden beide Jungs gänzlich getrennt voneinander agieren, doch bei genauem Hinsehen fällt auf, dass sie einander intensiv aus den Augenwinkeln beobachten.
Das Mädchen hat einen Kübel und eine Schaufel in der Hand. Schüchtern steht sie einige Zeit da und beobachtet die Buben. Dann fragt sie: „Bauen wir eine Burg?“
Die einzige Reaktion der Jungen besteht darin, ihre „Brumms“ und „Frumms“ noch etwas lauter werden zu lassen. Das Mädchen steht noch einige Zeit daneben. Dann geht es zu seiner Mutter, die auf einer Bank sitzt, gibt Kübel und Schaufel ab, läuft zu einer Gruppe von Mädchen, die gemeinsam ein Ringelspiel antreiben. Als sie näher kommt, bremsen die Mädchen ab und die Neue kann zusteigen.
Vor einigen Tagen auf einer Business-Veranstaltung:
Joviales Händeschütteln, Schulterklopfen, man(n) kennt sich. Hochkarätige Vortragende, eine Powerpoint-Präsentation jagt die andere. Wer hat das größte Unternehmen, die meisten MitarbeiterInnen, die tollsten Projekte, die besten Ergebnisse … Viele laute „Brumms“ und „Frumms“. Muss ich extra erwähnen, dass alle Verantwortlichen und Entscheidungsträger (gendern hier völlig sinnlos) der vertretenen steirischen Firmen MÄNNLICH waren?
Allen Unternehmen gemeinsam bereitet der demographische Wandel Probleme. Zu wenige Fachkräfte in der Technik allüberall und jedes Jahr ein paar weniger. Lösungen müssen her und zwar rasch. Es wird beklagt, dass sich Mädchen nach wie vor eher sozialen Berufen zuwenden als technischen. Außer der Beobachtung dieser anhaltenden Bewegung fühlen sich die Teilnehmenden an der Diskussion allerdings außerstande diesen Zustand zu ändern.
Was auffällt (anscheinend nur mir): Bei der auf die Präsentationen nachfolgenden Fragemöglichkeit, bringen sich fast ausschließlich die eher spärlich bei der Veranstaltung vertretenen Frauen ein. Der Wunsch nach Dialog ist einzig von diesen Frauen spürbar.
Auf die Frage einer Vertreterin eines kleineren steirischen Unternehmens, was sie in ihrer Position tun könnte um bereits Jugendliche während der Schulzeit als Lehrlinge oder später als MitarbeiterInnen gewinnen zu können, weiß keiner der Vortragenden eine Antwort. Vielleicht mit einer Schule (HTL – leider ebenfalls fast ausschließlich männlich) Kontakt aufnehmen? – Prämien von Euro 500,– für die Neuempfehlung eines/einer späteren MitarbeiterIn kann sich nicht jedes Unternehmen leisten.
Die Antwort ist einfach, jedoch schwierig in der Umsetzung:
LASST MÄDCHEN MITSPIELEN!
Schluss mit: „Wer hat den Größten (Status oder das Wichtigste zu sagen)?“
Mädchen UND Jungen brauchen spürbares Interesse an ihnen. Dass man ihnen Fragen stellt, die dieses Interesse sichtbar machen. Menschen blühen auf, wenn sie aktiv gemeinsam gestalten können.
Doch die Fähigkeit, nicht nur die Größe des eigenen Baggers mit dem des Konkurrenten zu vergleichen, die Fähigkeit, nicht nur mit sich selbst oder dem Vergleich mit anderen beschäftigt zu sein, scheint eine Kompetenz, die nur spärlich gesät ist. In der Wirtschaft. In der Industrie. In der Technik. Bei Männern?
Nach der Veranstaltung kam ich eher zufällig mit drei Männern an einem Tisch zu stehen. Es wurde munter weiter geplaudert. Wer hat die meiste Auslandserfahrung, wer weiß am besten, was die steirische Politik braucht …?
Wenn Unternehmen zukünftig Frauen technische Berufe schmackhaft machen wollen, wird es mehr brauchen, als bisher geboten. Unternehmen müssen lernen frauenspezifisch zu denken, zu fühlen und zu handeln.
Eine Einladung zur Mitgestaltung wird notwendig sein, denn das ist es, worin wir Frauen richtig gut sind. Wir wollen gestalten, mitreden, mitdiskutieren, mitentscheiden und gemeinsam mit den Männern einen beruflichen Rahmen gestalten, indem beide Geschlechter sich wohlfühlen.
Männer können diese Bedürfnisse noch eine Zeit lang ignorieren. Ewig wird es nicht funktionieren, da Frauen in technischen Berufen schlicht und ergreifend gebraucht werden. Und alle bisherigen männlichen Strategien nicht zum Erfolg geführt haben.
Wenn eine Strategie nicht zum Ziel führt, ist es Zeit, sie zu ändern.
Und eine Chance für Klein- und Mittelbetriebe: Nutzen Sie Ihre Flexibilität und reagieren Sie JETZT. Nehmen Sie mit Mädchen in den Schulen Kontakt auf. Treten Sie in Dialog. Stellen Sie Fragen, was sich Mädchen und Frauen von ihrem Beruf erwarten und wünschen. Hören Sie aufmerksam zu. Initiieren Sie spannende Projekte, welche die Sinnhaftigkeit von technischen Berufen sichtbar machen. Binden Sie junge Frauen in diese Projekte ein. LASSEN SIE MÄDCHEN MITSPIELEN!
… und diese werden es ihnen danken.
Herzlichst
Ruth Berghofer
Hier einige Fragen, die Sie sich selbst als Unternehmer, Unternehmerin, als Führungskraft und EntscheidungsträgerIn stellen können:
- Ist unser Unternehmen männlich dominiert? (und was können wir gemeinsam tun, um dieses Ungleichgewicht in BALANCE zu bringen?)
- Bevorzugen wir in unseren Präsentationen und Firmendarstellungen die Einweg-Kommunikation? (und wie können wir in Dialog mit jungen Menschen kommen, die wir als MitarbeiterInnen gewinnen wollen?)
- Repräsentieren ausschließlich Männer unser Unternehmen nach außen? (und wie wirkt das auf mögliche weibliche Berufsinteressentinnen?)
- Sind Frauen in der Wirtschaftskammer und der Industriellenvereinigung in ausreichendem Maße vertreten, um Rahmenbedingungen für eine Zunahme von Frauen in technischen Berufen schaffen zu können? (Frauen sprechen nun mal besser die „Sprache der Frauen“) Wenn nicht, was können SIE tun, um das zu verändern?
- Werden Veranstaltungen in einer Form geplant und durchgeführt, die dem weiblichen Bedürfnis nach Dialog, Aufmerksamkeit und gemeinsamer zielorientierter Aktivität entgegenkommt?
- Was können SIE ganz konkret verändern, wenn Sie das wollen, um zukünftig Frauen für technische Berufe zu interessieren und zu begeistern? (Veränderung beginnt bei der Veränderung der Sichtweise, geht über in die Veränderung der Handlungsweise und mündet in die Veränderung der Kommunikation)